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Geschichte und Beschreibung der Tracht


Nach der Gründung der Hemmoorer Volkstanzgruppe im Jahre 1992 konnten die Tänze lediglich in einer Tanzkleidung aufgeführt werden:

Frauen: roter Rock, blau-rote Schürze, weiße Bluse, blaues Seidentuch
Männer: schwarze Hose, rote Weste, weißes Hemd, blau-rote Schleife

Zu dem damaligen Zeitpunkt gab es keine Hinweise, dass es früher eine Tracht in den ehemals selbständigen Gemeinden Basbeck, Warstade, Westersode, die heute Stadtteile von Hemmoor sind, gegeben hat.

Erst die Trachtenforscherin Ruth Kreutzkam aus Cuxhaven konnte weiterhelfen.Sie hatte stichhaltige Beweise.
Im „Intelligenzblatt der Herzogthümer Bremen und Verden“, ein ehemaliges amtliches Mitteilungsblatt für Diebstähle, Konkurse, Steckbriefe, wurde in den Jahren 1816 – 1826 über fünf Diebstähle von gestohlener Kleidung in Basbeck und Warstade und über eine Personenbeschreibung (Signalement) eines Entwichenen aus Westersode berichtet:

» 1816 Diebstahl bei der Witwe Adelheit Tiedemann zu Warstade von 38 Teilen
» 1823 Diebstahl bei dem Einwohner Johann Büther zu Basbeck von 37 Teilen
» 1825 Diebstahl bei dem Anbauer Claus Sparnicht in Warstade von 25 Teilen
» 1826 Diebstahl bei der Altentheilerin Witwe Anna Tiedemann zu Basbeck von 46 Teilen
» 1826 Diebstahl bei dem Anbauer Johann Schild zu Basbeck von Teilen
» 1818 Signalements des Entwichenen Hinrichs Oelrichs aus Westersode

Anhand dieser detaillierten Auflistungen konnte die Festtagskleidung genau rekonstruiert und daraus eine historisch, eine vom Landestrachtenausschuss Niedersachsen anerkannte Tracht angefertigt werden.

Frau Kreutzkam erstellte zwei Portraitfiguren, eine Frauen- und eine Männerfesttagstracht. Nach diesen Modellen sollten die Trachten geschneidert werden.
Nun begann für Heino Grantz die eigentliche Arbeit.
Weitere Recherchen im Kreisarchiv Otterndorf, in den Kirchenbüchern der Kirche Basbeck. Mühsame Materialbeschaffung, Aufstellung einer Finanzierung und Einwerbung von Mitteln und immer wieder Rücksprachen mit dem Landestrachtenkundewart Jürgen Sturma aus Braunschweig.

Wie schwierig die Materialbeschaffung war, sei nachstehend erläutert:
Die Rockstoffe wurden eigens für die Hemmoorer von einer Firma am Chiemsee gewebt, ebenso die Westenstoffe für die Männer auf einem alten Webrahmen in Bad Bederkesa. Das Leinen der Blusen stammt aus Polen, die Schürzenstoffe und die Männerhemden aus München. Die Stoffe für die Jacken, Hosen und Oberröcke, außerdem die metallnen Knöpfe wurden in Bremen gekauft. Die runden Männerhüte konnte man in Nürnberg erwerben, die Strümpfe in Hessen. Ein alter Bestand von Haubenbändern wurde von einer Firma in Burgsinn vollständig aufgekauft. Geschneidert wurden die Trachten in Gyhum-Hesedorf.

Die Rekonstruierung und Herstellung der Trachten konnte Dank großzügiger Spenden und Zuwendungen von vielen Seiten nahezu problemlos abgewickelt werden.
An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön an den 1. Vorsitzenden Heino Grantz für seine unermüdliche Arbeit.

Die Tracht vor 1999Bereits nach zweijähriger Vorbereitung-, Materialbeschaffungs- und Anfertigungszeit konnten die Trachten anlässlich des 15 jährigen Jubiläums des Geschichts- und Heimatvereins Hemmoor e.V. am 15. April 1999 in der Basbecker Festhalle vor gut 700 Zuschauern vorgestellt werden. Neben zahlreichen befreundeten Volkstanzgruppen aus nah und fern, dem Landestrachtenkundewart Jürgen Sturma, waren alle ranghohen politischen Amtsinhaber des Landkreises Cuxhaven vertreten.

 

Anerkennung der Tracht


Am 29. Oktober 1997 wurde die Tracht für die Hemmoorer Volkstanz- und Trachtengruppe vom Trachtenkundeausschuss des Landestrachtenverbandes Niedersachsen anerkannt.

Die Tracht gilt damit als historisch nachweisbar und erfüllt die im LTN gültige Definition des Begriffes Tracht:

"Tracht ist die Kleidung der ländlichen Bevölkerung. Sie ist regional konfessionell und zeitlich begrenzt, wechselt in den ihr vorgeschriebenen Grenzen nach Anlass und Trauerstufe und spiegelt den sozialen Status der Trägerin und des Trägers wieder."

Hemmoorer TrachtDie in der Folge beschriebenen Trachten wurden auf der Basis von Diebstahlanzeigen, Literaturquellen und erhaltenen Trachtenteilen von Frau Ruth Kreutzkam in Zusammenarbeit mit dem Landestrachtenverband Niedersachsen erforscht und entwickelt. Die Trachten des Geschichts- und Heimatvereins Hemmoor stehen auf einer soliden Grundlage und tragen zur Verbesserung und Erweiterung der niedersächsischen Trachtenlandschaft bei.

 

Bezeichnung der Tracht:
Tracht aus dem Kirchspiel Lamstedt aus der Zeit um 1800 – 1820

Beschreibung der Tracht:


Frauentrachten:

Rock: längsgestreifter Wollstoff, gefältet, schwarzes Saumband aus Samt (ca. 30 cm),
Farben: rot-weiß, blau-weiß, grün-weiß, schwarz-weiß gestreift
Unterrock: Leinen, rot
Schürze: Stoff: Seidenoptik, blau oder schwarzer Grund mit Streublümchen, verschiedene Muster, am Bund gefältet
Hemd: weißes Leinen, Kastenschnitt, runder Halsausschnitt
Weste: schwarz, Wiener Nähte, lang, ohne Ärmel, tiefer viereckiger Ausschnitt, vorn zu schließen
Jacke: wie Weste, aber kürzer mit langem Arm, mit Haken und Ösen Knopf schlicht, halbkugelig, 1cm
Tuch: Seide mit bunten Randstreifen
Brustlatz: Brokatseide mit Bändern (Zinkenborte) besetzt, viereckige Form mit Halsausschnitt, wird über der Schulter geschlossen
Haube: Dreistückshaube, mit Seide bezogen und bestickt oder nur mit Brokat bezogen, aufgenähtes Band mit Nackenschleife, weißes Stirntuch mit Sitze
Strümpfe: verschiedene Farben, Wolle und Baumwolle, weiß, schwarz
Schuhe: schwarze flache Lederschuhe
Samtband: an der Schürze, Breite 7 cm, ca. 40 cm runter, Schürzenschließe aus Silber 

Männertrachten:

Hose: schwarze Kniebundhose, Klappe, Hosenträger, Leder oder Tuch, halbrunde metallene Knöpfe
Hemd: weißes Leinenhemd, Stehkragen, lange Ärmel, Knopfleiste
Weste: Stoff: Wolle, mit Stehkragen, 2 Westentaschen, zweireihig, mit 16 silbernen Knöpfen, flach mit Sternenmuster
Farben: rot-weiß, blau-weiß, schwarz-weiß mit verschiedenen breiten Streifen
Mannsrock: schwarzer oder dunkelblauer knielanger Oberrock mit langen Ärmeln aus Tuch, einreihig mit 12 überzogenen Knöpfen, hochgeschlossen, ohne Kragen, mit rotem Leinenfutter
Hut: runder schwarzer Filzhut mit breiter Krempe, schwarzes Hutband mit Silberschnalle
Tuch: Schweißtuch, kleines Halstuch (50 x 50) aus schwarzer Seide mit farbigen Streifen, unter dem Hemdkragen zu tragen
Strümpfe: Kniestrümpfe, Wolle oder Baumwolle, wollweiß
Schuhe: schwarze Lederschuhe mit Schnalle

Belegmaterial:

 » Meyer, Dralle Deern und Fiedele Jungs, Bremerhaven 1994
 » Julien, Deutsche Volkstrachten zu Beginn des 20. Jahrhunderts, München 1912
 » Kretschmer, Das große Buch der Volkstrachten, Eltville 1977
 » Intelligenzblatt der Herzogthümer Bremen und Verden
 » Trachten- und Schmuckstücke aus Hemmoor und Umgebung
 » Beratung durch Frau Kreutzkam, Cuxhaven
 » Beratung durch den Trachtenkundeausschuss im LTN, Jürgen Sturma
 » Kreisarchiv Otterndorf
 » Kirche Basbeck